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Monday, April 24, 2017

ich bin mein bruder

ich der ich mein
bruder bin,
ich wachse zwischen
halmen, im gras, mein

gesicht die maske
eines gottes,
der mich nicht
sieht, ich bin

sein bruder im regen,
die erde, die seele
fließen dahin,
der grund löst sich auf

ich bin mein bruder,
ich sitze in den wurzeln,
ich kaue katzenminze
und brennesselblätter,

bitteren löwenzahn,
ich singe stimmlos,
wasche meine farben
mit regentropfen.

der grund, der grund
ruft mich, ich falle,
ich falle schwer und
ich falle schwerelos

tief in die erde,
zu tief um zu wachsen,
zu schwer und zu müde,
ich bleibe am grund

wo ich niemanden
brauche, mich zu halten,
dort wo ich
mein bruder bin.









Wednesday, August 17, 2016

Enthumanisierung und Gesundheitsreform (1989)

Nächstenliebe nach Vorschrift
Der Verantwortungsparagraph
Seelenapostroph
Verordnetes Leiden


Die da oben sitzen
schalten und walten
obwalten
verwalten
anwalten und zerwalten
zerrwalten

Jene verwallten Gestalten
verstaucht und verstopft
gehören umgetopft
umgekopft
entduftet und entlüftet
entmottet
umgewaltet
abgewaltet
entwaltet
endwaltet


Diese Gewalten
gehören geschrumpft und geschröpft
entsaftet,geköpft
zertrocknet
gereinigt
bereinigt
zereinigt
vereint und gemein
entsorgt
als Gartenzwerge
in die Umlaufbahn,
auf den Mond
aufs Abstellgleis
ausrangiert
entgiert
und verwaltet
in Obhut:

Pflegschaft
nach Vorschrift

Anmerkung:
Zur Gesundheitsreform  
oder
Deutsche Art:
Vermächtnis der Enthumanisierung

Wednesday, March 9, 2016

Das weiße Pferd, 1991

Ich warte
auf eine Frau
mit rotem Haar
auf einem weißen Pferd

Ich rieche das Salz
vom fernen Meer,
das Gras im Regen
und die frische Erde

Ich stehe am Wald,
der Wind dreht die Flügel
einer weißen Mühle,
gelb leuchtet der Raps

Der Himmel ist bleigrau
und die Wolken sind tief.
Aus Rissen in der blauen Wand
grell und weiß der Kalk.

Ich höre die Autobahn,
die Amseln und Finken,
Libellen im Wind
und mein pochendes Blut

Die Erde dreht sich
und
ich warte
auf eine Frau mit rotem Haar
auf einem weißen Pferd

Nacht, 1991

Bitte
komm ganz
und bleibe

Bitte
ich bin durstig
mach mich still

Bitte
ich brenne
deck mich zu

Bitte
ich sterbe
halt mich fest

Bitte
komm ganz
bleib hier

Die Wolke, 1991

Die Wolke

Um mich
knistert diese Wolke
regenschwer
immerzu

Zudecken will ich sie
mit weiß und weiß und  weiß
und dann ihr blankes Leuchten
bemalen: gelb mit Butterblumen
und Löwenzahn,
grün mit Frühlingswiesen,
mit Gänseblümchen

Eine schwarze Wolke
über meinen Schultern
tote Raben,
abschütteln will ich sie
ich renne
und renne
und renne
immerzu

Stehenbleiben möchte ich
frei und leicht im Licht
meine Arme strahlend:
ich höre die Sonne,
das Wasser, die Luft

Mein Herz schläft
ruhlos
so träge, so kalt,
eine volle Blase im Schlafsack


Neunzehnnhunderteinundneunzig
am kahlen Berg
die Krüppelkiefer:
Die Steine sind klar






Tuesday, September 15, 2015

Ton der Weite: ein altes Gedicht

Ton der Weite


Wie klingt die Ferne?
Hier pfeift der Wind.
Es rauscht, die Möwe schreit,
das Wasser schäumt,
Regenbögen in der Gischt

Was ist das für ein Ton,
dort wo der Himmel flirrt
und silbern ins Meer taucht,
alles flüssig, alles strömt

Alles ist Licht
so weit von hier
und doch genau hier.
Jetzt pfeift der Wind,
die Möwe schreit.


Schmerzen: ein altes Gedicht

Schmerzen

Gezeugt aus Lust.
Geboren aus Schmerz.

Form als Grenze und
Spannung der Haut
zwischen außen und innen,
zwischen innen und außen.

Die Oberfläche ein Spiegel
und sich wandelnd nach
Licht und Dunkel.

Schwarze und silberne Wellen,
weiß schäumende Gischt
bringen und nehmen
den Atem des Lebens.

Schmerzen sind Knoten
an falscher Stelle,
brechen Rhythmen,
stören den Tanz der Farben,
Mißtöne, Sprungschichten,
frische Furchen im Frühnebel.

Ohne Schmerz keimt nichts Neues.
Die Wunde schließt sich,
goldene Bäume wachsen singend heran,
Träume, grün, und alles erwacht.

Monday, March 23, 2015

im atem des lichts




im atem des lichts:
hier ist der ozean,
dort die erde

blut von tausenden,
exkremente, formen,
verwest, zersetzt,

im kreislauf des lebens
wird tod zu nahrung,
aus zersetzung keimen
knospen und rhythmus

wir essen die toten,
wir trinken sie,
wir atmen sie,
es ist so, so.

es gibt keine leere,
nur welle um welle,
für immer vergänglich,
für immer neu

hier ist das meer, 
die gezeiten geben takt.
anziehung, abstossung
bestimmen die richtung

der kraft, die überall fliesst,
in dir, in mir, hier und dort.
wer dazwischen kommt,
treibt hinaus ins uferlose

oder landet an den felsen.
traum war der beginn,
traum wird das ende.
den schmerz zu fliehen

wo die vögel singen
und das herz schlägt,
tötet den traum.
überleben ist kampf im wind

aber auch tanz der freude.
ohne zu teilen sind wir arm.
im meer der träume
sind wir nun hilflos vereint,

in der wüste verirrt
zwischen den dünen
aus sand und wahn.
doch hier, hier ist das meer,

es wird uns nehmen,
asche, kampf, lieben,
einsamkeit und trauer.
niemand wird uns kennen.

so verwehen wir, vergehen,
wir gehen allein,
fern von den sternen
in unser dunkel hinein

und doch im atem des lichts:
hier ist das meer,
dort ist die erde.
der himmel ist überall.















a frog is an amphibian: i am a zebra

i wonder
how many days
i will not count
i jumped across my shadows

kann ein frosch
über seinen schatten
hüpfen
anmutig, waghalsig

oder unbeholfen scheitern,
mit einem leisen quaken
im sumpf, im dunklen kraut
seine zuflucht suchen?

i am not an amphibian
nor do i wish to hide.
doch ich war nicht da,
ich war nicht hier,

i am a zebra
running free
now.
jetzt darf ich's sein.