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Saturday, August 5, 2017

A Zen story from somewhere in the net

Jizô asked Hôgen, “Where are you going, senior monk?”
Hôgen said, “I am on pilgrimage, following the wind.”
Jizô said, “What are you on pilgrimage for?”
Hôgen said, “I don’t know.”
Jizô said, “Not knowing is most intimate.”
Hôgen suddenly attained great enlightenment.

Tuesday, March 1, 2016

the present

a child was given a present:
a tortoise and a frog.
The child touched them, imprisoned them as it was taught to do.
It fed them, salad to the tortoise, flies to the frog.
They looked unhappy.
The child took them out.
It tickled the butt of the frog, and the frog leaped.
Then it tried the same with the tortoise. I withdrew its head into its shell.
the child didn't understand. it took a stick and prodded the tortoise
to make it walk faster or to jump too.it didn't even come out of its shell.
the child kicked it and left it outside. the frog had jumped away already.
the child was disappointed, sad and it was angry.
it thought they didn't want to play with him.
it was right, but it didn't understand.
the child went inside and asked his father about these matters.
Father nodded his head and said ever so wisely:
they are just like that, different.
some presents shouldn't be given,
neither to children nor to adults.

Wednesday, March 11, 2015

on clever advice

A man went to the dentist.
"Doctor, my tooth is giving me terrible pain."
"O", said this dentist, a faint smile in his face,
"don't worry too much, it will pass."
The man said "Thank you", put 50 Euros
on the table and left the office.

Please: it is not always advisable
to give advice as an 
answer to suffering.

Wednesday, January 16, 2013

Ein Märchen für Anspruchsvolle und für Gelangweilte


Das Maerchen von einem, der auszog, um sich zu langweilen


Ach, sagte der dumme Rudolf, ich möchte mich einmal langweilen., nur ein Mal möchte ich mich langweilen können.

Er packte , seinen kleinen Rucksack packte er, er vergaß wohl  dieses und jenes, so beschäftigt war er mit packen.
Er trat aus dem Haus, der Himmel war grau, am Ende des Dorfes stand eine dicke Frau. Sie winkte.
Er hielt kurz an , grüßte und erhielt ein dickes Butterbrot und eine Dose mit Salz auf den Weg. Mit Danksagungen verabschiedete sich Rudolf. „Und vergiss ja nicht, dich zu langweilen“, sagte die  dicke Frau. „Immer wenn du es vergisst, so sollst du ein wenig Salz in deine Hand geben und es mit der Zunge versuchen.“

Der dumme Rudolf war nicht groß, nicht klein, e r trug eine dicke Hornbrille, hatte einen  kleinen roten Kinnbart und trug Lederhosen. Er wog nur unter fünfzig Kilogramm, und er war ja erst knapp dreiundzwanzig Jahre alt. Also ging er weiter und immer weiter.

Als er in die Stadt kam und vor dem Schloss stand, wollte ihm fast langweilig werden. Ein Cabrio fuhr immer ums Schloss herum, und mit einem Megaphon schrie ein Offizier in die Menge: „Wer die Prinzessin erlöst, soll sie und das Reich haben“. Was denn, dachte der dumme Rudolf, Prinzessin und Reich? Er leckte ein wenig Salz und ging dann recht gelangweilt ins Schloss, die breiten Treppen hinauf durch die riesige gläserne Tür.  Schon stand er vor dem König, der mürrisch und blass und fett auf einem mit bestimmt hundert bunten Kissen versehenen Thron saß. Der dumme Rudolf erkannte ihn gleich an der Krone.
Er leckte ein wenig Salz aus der Hand und sagte: „Was muss ich tun?“.
So gelangweilt wie er da stand , da dachte der gesamte Hofstaat , was für ein Kerl, so klein und jung und schon so gelangweilt. Es muss eine besondere Bewandtnis haben mit ihm.
Der König fragte nicht einmal nach dem Namen, es war ja doch noch keiner  seiner Helden zurück gekommen.
„Töte den Drachen, der meine Tochter entführt hat“.

„In Ordnung, zeig mir die Richtung“, sagte der dumme Rudolf, Und der König wies ihn nur mit einem Zeigefinger hinaus. Und  just in dem Augenblick quoll am Horizont dicker gelber Rauch empor, und ein übler Geruch nach Schwefel und verbranntem Fleisch drang bis in die Stadt.
Ach, ist diese Lauferei  langweilg, freute sich der dumme Rudolf.
Als er am Horizont angekommen war, wollte er  an Langeweile und auch am Schwefeldampf schon fast ersticken, so gut ging e s ihm.
Der Drache war drei Meter lang und grün und schuppig wie fast alle Drachen.
Rudolf gähnte, was den Drachen erschreckte, sehr erschreckte.  Einen Feuerschweif verschluckend verbrannte er sich selbst, Rauch quoll aus Po und Nüstern. Drache Umfall, Drache tot.
Der dumme Rudolf langweilte sich nun noch mehr, er war recht glücklich. Hinter einem Felsblock lag ein lockiges Mädchen, , sie sagte, „ich bin erst achtzehn Jahr, ich habe rotes Lockenhaar, ich bin des Königs Kind, bring mich nach Haus geschwind . „Der dumme Rudolf nahm sie huckepack, aber nicht lang. Nach wenigen Schritten ließ er  sie wieder runter , leckte ein wenig Salz aus seiner Hand und sagte :“Lauf!“.
Als sie ankamen, erst Prinzessin, dann Rudolf, wollten die Wachen ihn nicht rein lassen. Aber das gesamte Volk hatte sich vor dem Schloss versammelt, und da mussten sie ja wohl.
Der König nahm seine Tochter, die wirklich nicht so besonders hübsch war, und er hieß sie auf einen Schemel  sitzen.
Er dachte sich, wenn es so leicht war, da will ich mein Reich nicht hergeben.
„Sag , Bursche, kannst du mir vor der Hochzeit noch einen kleinen Gefallen tun?“, sprach er , scheinheilig hilflos lächelnd und mit Tränen in den Augen.
„Ei, das will ich gern.“
„ Geh in meinen Keller, ganz hinunter, da lauert ein böser Poltergeist, de r jeden Kellermeister mir in Stücke reißt.“

Der dumme Rudolf wachte einen Augenblick aus seiner Langeweile auf, leckte dann ein wenig Salz aus seiner Hand, überlegte und sagte:
„Herr König, gern will ich euch nochmals helfen. Euer Reich will ich nicht, aber die Hälfte eurer Goldvorräte.“

Da wollte der König sagen, laßt mir das Gold, aber das konnte er nicht, da wieder so viele aus dem Volk und Hofstaat dabei standen.
„Gut“, nahm er das Angebot an, und „Habt Dank“.
Der dumme Rudolf fand es sehr sehr langlangweilig. Die ganzen Treppen hinab zu gehen, so lange bis er es anstrengend fand. Er leckte ein wenig Salz, und da stand ein riesiger Rottweiler mit Feueraugen vor ihm. Der knurrte und bellte, als es dem Rudolf eben wieder ganz langweilig geworden war. Der dumme Rudolf streichelte ihn, erkannte in ihm den Poltergeist, dem ja noch ein Stück Kellermeisterhose zwischen den Zähnen hing , und er nahm ihn mit zurück nach oben, lammfromm war der Rottweiler, lammlammfromm.
Der König zuckte auf seinem Thron zusammen, die Prinzessin schüttelte ihre Locken, schüttelschüttelte sie. Sie dachte ja, „jetzt heiraten?“…aber nein.

Der dumme Rudolf sagte,“ Spann an, und schaff das Gold herbei!“

Da musste der König das tun. Unter echten Tränen schaute er seine Tochter an und verabschiedete Rudolf.
Der dumme Rudolf sah das, und er sagte: „Der Herr König, hör er her, ist es auch schwer. Wär ihre Tochter schöner, so hätt ich sie gern genommen für ein  Jahr oder mehr. Aber ihr könnt sie behalten und einen andern Dummen finden.“

Da weinte d er König noch mehr, und die Prinzessin schüttelte ihr Haar, halb erleichtert., halb beleidigt, sie wusste nicht so genau wie ihr war.
Und der dumme Rudolf fuhr heim, und er lebte glücklich mit der dicken Frau bis an sein Ende oder noch ein Jahr.


Dr. F.
16.01.2013

Tuesday, September 18, 2012

breathing, still breathing

breathing, still breathing i drive into the sun the sun is an angel who blinds me. i want to lie down breathe in breathe out the sky is peach-blossom and nipple-pink and wide i want to lie down breathe in breathe out get up and walk into the sky into the sun breathe in breathe out walk on and on i don't want to stop no end no end walk through doors breathe in breathe out in my dream i walk and to the sea and to the sky i took an ear and an eye now i am tired i want to lie down breathe in breathe out get up and walk i breathe with the sea i fly with birds i dream with dogs and i talk to cats and when i get tired i lie down breathe in breathe out get up and walk

Wednesday, July 11, 2012

Beginning a story

"Mme. went down in the cellar, and she brought fruits, onions, potatoes and the damp smell of secrets. Mme. climbed the stairs very often. Sometimes she appeared to stay down there for hours and even days. She searched for her voice in the deep recesses of the caves, she met spirits, people,angels, dreams and stories. But she searched for herself in the silence there deep down in the dark guts of the earth. Sometimes we heard a murmur upstairs , this was when she tried to sing through the darkness, many steps down next to the well. She must have heard so many echoes reverberating from the walls, but it helped her even more to concentrate, to breathe, to feel herself, to sense the awareness growing, her hidden self. We didn't really know her , but she always brought a gift up with her, a vision, something beautiful, candles and matches and shards of hidden riches, and we smiled and cuddled up to her. Wo she was? We didn't now, we don't now. But we remember the warmth and the radiance. " Dr.F.
I will continue this story when asked...or when I really want to.

Sunday, April 1, 2012

Rede zur Vernissage, Ausstellung "Zwischenwelten"

2006 Ausstellung in Münsingen Kulturkneipe Heutal, 2012 in Hamburg Farbwerke-M6 Konterkaro. Zum großen Teil verschiedene Bilder, derselbe Maler, derselbe Hintergrund. Ich wurde mehrfach gebeten, meine Ansprache zusammenzufassen. Ich ziehe eigentlich die spontane Rede vor mit Assoziationen in freier Form, angelehnt an Stichworte. Mein Sohn meinte als kleiner Junge auf die Frage, ob er beim Aufwasch helfen „wolle“: "Papa, ich habe keine Zeit. Ich bin ein Kind, ich muss spielen." Malen zwischendrin, dazwischen in Zeit und Raum, oft nachts, zwischen dem sinnlosen Gejammer meiner Patienten und dem Schlaf. Leben, arbeiten, immer zwischen drin, zwischen den Stühlen, zwischen Patient und Krankenkasse, zwischen Leiden und Freude, zwischen Menschen, zwischen Dingen , zwischen Welten, zwischen Vorstellungen, zwischen Verlangen und Erfüllung, zwischen Traum und Können. Einmal am Tag will ich mir die Welt so vorstellen wie ich will, Wenn, dann will ich das JETZT. Und ich fühle mich dabei als Alchemist, der versucht aus einem erschöpfenden Tag noch ein wenig Gold zu machen. In der HUNA Überlieferung ist die Welt so wie du sie dir vorstellst, dieser Vorstellung folgt die Kraft deines Lebens und du hast die Macht immer JETZT. Jetzt ist JETZT. In Babylon sei die gemeinsame Sprache der Menschen verloren gegangen. Schamanen in Nordamerika meinen: die Teile reden nicht mehr miteinander. Aus Zusammenbruch und Entwurzelung muss jedem ein neuer Traum kommen. Hexen (hagazussa = Zaunreiterin , ahd.), Schamanen, Heiler , alle haben gemeinsam, dass sie einen Fuss hier und einen Fuss dort haben, im Diesseits, im Jenseits, auf der einen Seite die Alltagswelt, dort die Anderwelt, zwischendrin stehen. sie, vermitteln, sie zaubern. Ich möchte klar machen, dass wir alle uns in einem Zwischenzustand befinden, wie im tibetischen Totenbuch befinden wir uns fortwährend in Bardos, in Zuständen des Überganges, vielleicht schon vor der Geburt, nach dem Tod, sicher aber jetzt, da wir sterben während wir leben und leben während wir sterben. Jetzt. Wir alle sind unsere eigenen Hexen, Schamanen, Heiler, wir verzaubern uns selbst, fortwährend, und wir haben die Macht dazu. Wenn ich mich verliebt habe, dann habe immer ich mich selbst verzaubert, ich, der ich mir Engel, Erlösung und Gnade wünsche. Meine Vorstellungen sind mein Zauberstab. Meine Verwirrung ist mein Weg. Meine Sehnsucht ist mein Mut. Ich muss mich selbst erlösen. Ihr müsst euch selbst erlösen. Wenn ihr meine Bilder ansehen wollt oder unsere Welt, schaut mit 6 Augen: 2 im Gesicht, 1 im Kopf, 1 im Herz und 2 im Bauch. Nichts geht ohne Streit, nichts geht ohne Traum, und alles geht nur jetzt. Also geht, ihr müsst nicht jeden Tag malen, tanzen, singen, ihr dürft auch schlafen, im Wald spazieren, schwimmen und rennen. Ihr seid eure eigenen Hexen, Zauberer,Schamanen, verzaubert euch, vielleicht helft ihr auch anderen dabei...

Thursday, January 13, 2011

Eine hungrige Zeugin

Der fremde Mann lag tot in seinem Blut, das die goldglänzende Rüstung befleckte,den Sand unter ihm tränkte und nun als ein zugleich süßer und metallischer Geruch in ihre Nase drang. Sie schloß seine halboffenen Augen, hob den Falken auf, der aufmerksam neben der Schwerthand des Gefallenen hockte. Vorsichtig nahm sie ihm sein Geschüh ab, ließ ihn frei.Der Falke flog auf, blickte nicht einmal zurück, zog höher und höher bis er außer Sicht verschwand. Die Himmel über dem Schlachtfeld waren irrsinnig hoch und weit und blau, und ihre Tiefe schien vollkommen endlos.

Es war nicht mehr weit zu den andern.

Niemand ausser ihr hatte dieses Gemetzel überlebt. Sie war die Botin der Tempelritter, ihr Pferd scharrte wiehernd im Sand auf der höchsten Düne, aber sie wollte noch nicht Abschied nehmen von diesem Bild. Über viele hunderte Meter verstreut lagen diese vordem so lebendigen Leiber in ihren Kampfbekleidungen,in Kettenhemden, von Geiern belagert, hier ein Muslim, dort ein Christ, Schwerter, Streitäxte, Bogen und Pfeile,Helme, abgetrennte Arme,Trinkbecher, hier und da ein sich noch wälzendes röchelndes Pferd, ein Kopf,ein Bein.

Sie hörte das Heulen und Knurren der Hunde, die sich zwischen den Sterbenden und den Toten stritten, sich blutig schäumend um ihre Mahlzeit rissen.

Es hatte keinen Sinn, zu bleiben.

Mit ihrem geraden und eindringlichen Blick behielt sie alles in ihrem Gedächtnis,klein, geheimnisvoll und mit einem Duft nach Pinienwäldern und wilden Pferden ritt sie hinter den Horizont.

Sie selbst war die Botin, die Zeugin und das Geheimnis. Support independent publishing: Buy this book on Lulu.

Saturday, June 27, 2009

Wigry: Der Zauberer, der Hund und der Bruder

Der Zauberer, der Hund und der Bruder


Der Zauberer drehte sich. Die Glocken in seinem spitzen Filzhut füllten den Rauch von den Feuern mit hohen Tönen, und Rauch und Töne klangen schwerelos im Himmel. Der Zauberer tanzte und tanzte, drehte sich und drehte sich. Die Feuer um ihn knisterten, leckten ihm die Beine, glühten, loderten, rochen nach Fichtennadeln und Birkenteer.
Er stampfte mit den Füssen, an denen Ringe mit Schellen flogen- Er schüttelte seine langen Stoffzöpfe, die Pferdehaare an seinem Hut, und das goldene Rentiergeweih glitzerte ganz oben.
Die Trommel schlug er, er schlug die Trommel die ganze Zeit, ein rasender Herzschlag, ein Innehalten, ein erneutes Rasen, er tanzte und er drehte sich.
Er begann zu singen.
Aus seinen Worten wuchs Gras, und Licht floss aus seinen Augen, leuchtete, verdichtete sich um die Wurzeln eines einzelnen Baumes.
Ein Hund trottete heran, jaulte, versuchte um die Wurzeln herum alles abzugraben. Erde, Blätter, Nadeln und Ameisen flogen in alle Richtungen, doch irgendwie im Kreis.
Aus den wirbelnden Wolken tropfte langsamer Regen, und kleine Tropfen, große Tropfen kühlten die Stirn. Der Hund roch nach nassem Hund. Der Zauberer tanzte, er trommelte und tanzte, er sang und er trommelte.
„He“ , sagte der Hund, „komm und hilf mir“.
Der Zauberer tanzte und drehte sich, und er wirbelte so schnell so schnell. Und aus ihm heraus wie aus einem Wirbelsturm sprang sein Bruder.
Der Bruder trug Flügel auf dem Rücken, große unbeholfene Flügel, gelb und rot und mit schwarzen Punkten.
Er hinkte ein wenig, ging langsam zum Hund . „Wohin gehen wir?“,sagte er.
Der Zauberer trommelte, und das Trommeln klangen jetzt immer weiter und weiter weg.
Der Bruder grub und der Hund grub bis beide unter der Erde verschwanden. Es wurde dunkler, roch nach Erde, nach Kellern, Bunkern, Gräbern, Verlies, nach Höhlen, nach Äckern, nach Fruchtbarkeit, nach keimender Saat und nach dem Ruf der Krähen, die über frisch gepflügten Feldern lauern.
Der Bruder ging mit dem Hund, der Hund mit dem Bruder. Sie fanden eine steinerne Treppe, die sie hinabstiegen, und ihre Schritte hallten und schallten tiefer und tiefer, und es wurde kälter und kälter, je tiefer und tieftiefer sie gingen.

„Ich friere“, sagte der Hund, und der Bruder trug ihn im Arm. Der Hund wurde schwerer und schwerer, der Arm tauber und tauber, und sie konnten keinen Grund sehen noch ahnen, und als sie schon fast am tiefsten und allertiefsten der Welt waren, da sahen sie ein Licht. Ein leises Leuchten drang in ihr Dunkel, klein, zart , hell und unendlich schön. Und mit dem Licht hörten die beiden eine sachte Musik, dabei ein Cello klagend, und schluchzend; und sie ahnten noch das Trommeln und Singen hoch oben, wo der Zauberer tanzte und tanzte und trommelte und trommelte und sang , unaufhörlich, als müsse er uns alle am Leben halten.
Der Bruder setzte den Hund ab,und beide folgten dem Strahl, der Hund voraus, immer schneller. Wärmer und wärmer wurde es je näher sie dem Licht in der Tiefe kamen. Durch einen Flachsblütenlilafliederpurpurvorhang trotteten sie zusammen in eine Kammer, in der große und kleine Sofakissen aus lagen, Kissen aus aller Welt, Farben und Muster aus Persien, Nepal, Teppiche aus Marokko, dazwischen Schalen mit Obst, Karaffen mit Wasser, Nüsse, Feigen und Datteln. In einer Ecke gab es einen sprudelnden Brunnen, in der anderen brannte Räucherwerk mit Weihrauch, Zimt und Kardamom.
Das Geräusch der Trommel war nun deutlicher, und der Bruder wollte tanzen, mit dem Hund sprang er um den Brunnen, drehte sich und sang ein anderes Lied, ein Lied aus den dunklen Schächten der Erde, verlassen, einsam , klagend und froh.
Der Hund blieb stehen , trank, der Bruder tat es ihm nach.
In der Mitte der Kammer wuchs eine Bohne, eine Zauberbohne, was sonst, und die wuchs und wuchs und wuchs grün und rankend nach oben und wuchs immer weiter und ohne Ende nach oben in einen Tunnel aus leuchtendem flirrenden singenden Licht.
„Wau“, sagte der Hund. „Ich nehm dich mit“, sagte der Bruder.
Plötzlich klang eine kleine Glocke, klingklingeling, und hoppla packte der Bruder den Hund und setzte ihn genau zwischen seine Flügel.
„Wuff“ sagte der Hund, und der Bruder schlug mit den Flügeln, und langsam stiegen sie auf, zuerst im Duft nach Zimt und Weihrauch und Kardamom, dann im Licht und in mehr Licht und Licht und höher und höher bis ganz oben und dann noch weiter.
Und als das Fliegen nicht mehr ging, kletterte und kletterte der Bruder immer weiter hinauf bis er nicht mehr konnte, gar nicht mehr konnte. Da waren sie oben, ohne Luft, jedenfalls fast ganz ohne Luft, so kurz und schnell atmete er da; und er schloss die Augen und legte sich hin, einfach oben hin, einfach ruhig.
Und der Hund leckte dem Bruder die Stirn. Ein kühler Luftzug streichelte ihn, und der Hund flüsterte ,„Miau“.
Und der Bruder sah auf, und über ihm stand die größte Himmelskatze, die er je gesehen hatte. „Aua“, dachte der Bruder, und der Hund versteckte sich unter seinem Bein und zitterte.
„Ach was“, dachte der Bruder, er zog sein Schwert aus der Scheide , und mit einem Schlag hieb er der Himmelskatze den Kopf ab. „Bumm!“
Das war nicht schön, aber es musste sein. Das Schwert war selbstverständlich , was sonst, ein Zauberschwert. Und Kopf und Katze fielen hinab und hinab, tiefer und tiefer, verwandelten sich in leuchtendes langsam weiter sinkendes Blau, aus dem ein Lied klang, wehmütig juchzschluchzend von fernen Zigeunerkatzenhimmeln, zum Weinen schön.
„Mmmpf“, sagte der Bruder, „Wau“ der Hund. Und der Bruder holte seinen Versteckmichschirm aus dem Gürtel, und wie ein Zelt spannte er ihn über die beiden. Zurück wollte er, unsichtbar reisen, sicher. Genug Abenteuer für einen Tag: so war das. Jetzt erst einmal Ruhe und Frieden, nach Hause, Kraft tanken.
„Ssssch“, sagte der Bruder.“Grrr“ sagte ganz leise der Hund. Dann wurden sie still, stiller, am stillsten, bis sie das Rauschen ihres Blutes in den Ohren hörten. Und da hörten sie wieder das Trommeln, von weit weg.
Der Trommel folgten sie , und schwuppdiwupp, da waren sie zuhause, einfach so, ganz einfach zuhause und ganz einfach, am Rand des Feuers, im Rauch,und hopp, da war der Bruder wieder im Zauberer.
Dem Hund standen die Haare etwas zu Berge, es kribbelte ihn über den Rücken, und dann schlief er leise knurrend ein.Als er aufwachte, war alles ganz still, so ganz merkwürdig still.

Dr.Conrad Feder, nachbearbeitet von Helge Heynold

Wigry-stories of a liar:Familie Wumm

In Papua Neuguinea, wo sonst, stand einmal ein Langbau auf Holzpfählen. Eine Treppe führte zum Eingang in den einen einzigen großen langen Raum, in den Hängematten gespannt waren. In einer Ecke wurde Brei gekocht, Wasserkrüge standen bereit. In der anderen Ecke sah man die uralten Schrumpfköpfe vergangener Feinde in einer von Missionaren vor vielen Generationen geraubten Vitrine.
Die Familie Wumm hielt noch immer gut zusammen gegen alle Feinde. „Vorsicht, Kopfjäger“, stand am Jägerzaun. Es gab Frau Wumm, Herr Wumm, Sohn Tim Wumm und die kleine Tochter Anna Wumm.
Anna ging Mama Wumm zur Hand beim Essen kochen, steckte sich dabei aber gerne kleine Bananen in den Mund und lächelte dazu. Schön, sagte Papa, meine kleine Anna.
Tim war oft verschwunden, wenn man einen Moment nicht auf ihn aufpasste, dann war er mit seinen Zippofeuerzeugen Dummheiten im Wald machen , oder er rannte und hüpfte laut rülpsend im Dorf herum, ahmte die bunten Hähne nach mit ihrem Kampfschrei bis alle Jungs Steine nach ihm warfen. Was für ein ungezogener Junge, sagte Herr Wumm, er bringt mich noch ins Grab. Quatsch sagte Frau Wumm, rückte ihren Schildpattkamm in ihrem Dutt zurecht, er ist sooo begabt. Hol ihn sofort her, er muss Schularbeiten machen. Und dann musste Timm sitzen und sitzen und sitzen. Frau, schrie Herr Wumm, Schluss jetzt, muss der Junge denn so viel lernen? Sind wir alle nicht gut genug für dich? Mach was zu essen!
Und er lächelte hinüber zu der kleinen Anna, die ihm schon mal einen Teller brachte.
Herr Wumm war traurig, denn er wollte jagen gehen. Aber es gab fast nichts mehr zu jagen auf Papua Neuguinea, er hätte weit weg gemusst, und Anna, Tim und Frau Wumm wollten ihn nicht fortlassen. Und er wollte auch sein Essen gebracht haben. Ja, so war das oder so ähnlich.

Timm war traurig, weil die Jungs seine Späße nicht mochten, weil er nicht mit Papa jagen durfte, weil Papa traurig war, weil Anna immer so viel lächelte und weil Mama nie zufrieden war.
Was Anna fühlte, wissen wir nicht. Es schien ihr ganz gut zu gehen.

Mamma war traurig, weil sie es niemanden recht machen konnte und weil niemand verstand, dass sie nur das Beste wollte.

Die Familie Wumm ging abends in ihr Langhaus, alle lagen in den Hängematten, damit keine Ohrwürmer in sie krabbeln konnten, keine Skorpione sie stechen konnten, oder gab es die gar nicht in Papua Neuguinea? Oft schliefen sie lange nicht, schaukelten, grübelten, schaukelten, verdauten das gute Essen, den Brei, den Kräutersalat, schaukelten, träumten und hofften und schaukelten und und träumten.

Und eines Morgens, da geschah es, dass ein großer Sturm aufkam, Wind peitschte die hohen Bäume aus dem Urwald, Äste flogen in die Lichtung, auf dem das Langhaus stand, der Himmel wurde dunkel, und Wasser fiel aus dem Himmel für drei Tage und für drei Nächte.
Wumms waren ins Haus geflüchtet, aber das Haus begann zu schwimmen, durch den Urwald, lange Schneisen entlang, auf einem Strom, übers Meer . Sie hatten Hunger, sie empfanden Durst, sie froren, sie schwitzten, es war eine Katastrophe. Sie trieben viele Tage und Nächte, weit übers Meer, bis nach Australien.

An die Küste gespült, eines hellen Morgens, in Sonnenschein, hungrig und durstig, betrat die Familie Wumm das neue Land, wie von selbst, der Vater Wumm voraus, fast zugleich Sohn Wumm, dann Mamma Wumm mit Tochter Wumm. Wumms, Wumms waren da.

Jetzt gings ums Überleben, und wie ganz selbstverständlich wusste ein jeder, was er zu tun hatte!

Im Gänsemarsch ging es voran, bis sie Wasser fanden. Da stand ein großes Känguruh, schlug mit den Hinterläufen und mit einem starken Schwanz, wollte sie vertreiben. Als es auf Papa Wumm zusprang, ließ Tim es stolpern, so dass es ins Wasser fiel. Das hatte er im Aikido gelernt. Dann kam ein Krokodil an, und Vater Wumm schlug es mit bloßer Faust auf den Kopf, so dass es genug von Wumms hatte. Familie Wumm trank.

Mama sagte, Anna, mein Engel, hol Feuerholz. Anna weinte etwas, aber Mama sagte, wir brauchen jeden jetzt, geh, sonst gibts nix zu essen.Sie begann einen Feuerplatz einzurichten. Los, geht auf die Jagd, sagte sie zu Papa Wumm und zu Sohn Wumm.

Herr Wumm ging mit Tim in den Wald. Papa hatte ein Taschenmesser dabei , und die beiden schnitzten aus Zweigen kleine Wurfpfeile und Speere. Tim rannte und hüpfte auf der anderen Seite des Waldes herum, und Tiere flüchteten zu Vaters Seite, der zwei Kaninchen erlegen konnte. Vater Wumm zeigte Tim, wie man einem Kaninchen das Fell über die Ohren zieht, und Tim durfte es dann selber machen.

Als sie zurück kamen, holte Tim sein Zippo und sie machten ein schönes warmes Feuer, brieten das Fleisch und aßen alle zusammen. Anna sah ihr Holz brennen, Tim sah sein Fleisch rösten, Papa seine Beute die Familie sättigen.
Mama bekam das Aufstoßen, so müde und erschöpft war sie, und glücklich, dass alle zufrieden waren, schlief sie dann ein.

Und Papa dachte , schade, dass erst so ein Sturm kommen musste, so ein Unheil, damit wir zufriedener sein können. Morgen bau ich ein Haus, und Tim kann mir helfen.
Und Tim? Er schlief einfach ein, weil er ja den ganzen Tag in Bewegung gewesen war. Er musste einmal ausruhen, denn er hatte noch so viel vor.

Wednesday, August 1, 2007

KOLEP UND DIE SCHLANGEN

EINFALT – VIELFALT
oder :
„Kolep und die Schlangen“

ZITAT
„Jeder Mensch kann die Welt verändern!“
„Ich hatte immer nur Angst vor der Einfalt der Menschen, nicht vor deren Vielfalt”, sagte der Frankfurter Anwalt in Anspielung auf das Thema seines Festvortrags „Vielfalt statt Einfalt”. Der Fremde, der Ausländer, der uns Angst mache, sei im Grunde das Fremde in jedem Menschen selbst. Diesen gelte es kennen zu lernen. „Dann haben Sie auch keine Angst vor dem Anderen”, so Friedman. (FU 11/2000)

Kolep schaute mich an. Hundeaugen. Kartoffeln. Kohl. Schweineschmalz. Ajax. Ich weiß nicht, warum ich an Ajax dachte.
Er versuchte zu reden, etwas in der Kehle stecken gebliebenes. Nasenbluten. Schmerzen. Schweiß.
„Hau ab.“
Das wollte er sagen.
Aber ich ging nicht. Ich dachte, „Gott wird Euch strafen“. Manchmal dachte ich wirklich, „ist doch nur körperlich“. Ich weiß heute auch nicht mehr, wie ich so etwas denken konnte. Wenn man Schläge bekommt, wenn die anderen in der Überzahl sind, wenn nach dem ersten Zorn die Kraft ausgeht, so erschien es gut, sich von seinem Körper zu lösen, sich daneben zu stellen. Schon wurden die Schmerzen weniger, und Kraft blieb übrig für etwas wichtigeres, für das Bewusstsein des eigenen Wertes.
„Sag dass du Kolep blöd findest, los sag, ich finde Kolep blöd!“ Schlangenauge ragte über mir auf, das Klassenbuch in der Hand. Er hatte es mir zwischen die Beine geschlagen, in die Eier, wo es weh tat, während vier Mann mich festhielten, jeder an einem Arm oder Bein.
„Nein!“ brüllte ich, „niemals“. Er schlug wieder zu. „Ja“, schrie ich. Pause. „Sag es!“ „Nein!“ So ging das Spiel. Ich erhielt eine Pause; niemals änderte ich meine Meinung. Am Schluss gab ich nie nach. Irgendwann kam ein Lehrer, ein Erwachsener, irgendjemand.
Kolep wohnte im Armenhaus, ein immer schmutziger Rotschopf mit Sommersprossen und einem offenen Grinsen, dessen Mutter sich schämte, wenn ich ihn besuchen wollte.
Das Haus steht noch, ein Rest von einem abgebrochenen Torbogen für was auch immer, ein nasses zweistöckiges Haus am Waldrand, am Stadtrand, Risse im bröckelnden Putz, ein schadhaftes Dach.
Koleb wanderte aus, mit seinen Geschwistern, dem schweigsamen Vater mit den dunklen traurigen Augen und mit der Mutter mit den wilden Haaren : sie gingen nach Australien, wo es Verwandte und eine Farm gab.
Ich beneidete ihn, obwohl ich nicht sicher wusste, ob das richtig war.
Meine Phantasie war sehr ausgeprägt zu der Zeit, sehr lebhaft, und ich hatte schon selbst ans Auswandern gedacht. Dabei wurde mir schmerzlich meine biologische Minderwertigkeit bewusst, die Brille, ohne die ich sicher im Urwald verloren sein würde, das Hüsteln, die Schlackerbeine, mein häufiges Kränkeln.
Ja, ich hatte schon alles zusammengeklaut, sogar an ein Beil für Feuerholz hatte ich gedacht, an ein Taschenmesser, an eine Decke, und ich dachte daran, mein Glück als Schiffsjunge zu versuchen, als Schiffskoch zu lernen. Kochen war ein schöpferischer Akt, gleichzeitig erschien es mir als eine gute Routine, um sich sein Überleben sichern zu können.
Aber dann hatte ich doch zu viel Angst vor der Armut, der Nässe, der Kälte, dem Dunkel und den Krankheiten, die sicher auf mich im Ungewissen lauerten.
Kolep war ein Flüchtling, dessen Familie so arm war, dass es nicht einmal zu einer Wohnung in der staubigen Arbeitersiedlung gereicht haben konnte. Sicher kam er aus Polen. Mir schien unklar, ob er nun ein polnischer Deutscher oder ein deutscher Pole war. Ich war ja erst acht oder neun Jahre alt zu der Zeit.
Aber ich mochte Kolep, der von mir in Deutschdiktaten abschreiben durfte, musste, denn er konnte nichts richtig schreiben, nicht einmal nichts.
Ich mochte ihn nicht nur, weil ich ihm überlegen schien in diesen Dingen. Sogar meine merkwürdige Herkunft, ich, Sohn eines Mannes, der älter war als mein Großvater, sogar das schien besser als ein Dasein als Flüchtling und Undeutscher, als Deppenjunge, der nicht schreiben konnte. Aber ich mochte ihn, weil er lachen konnte, weil ich seine Freude sah, dass jemand ihn genug mochte, um ihn abschreiben zu lassen.
In meinen wirren Träumen war ich der weiße Indianer, ich war Hemingway, und er war der Soldat mit dem Lederranzen, der Bettelprinz mit den roten Haaren. Er kriegte die Prinzessin, den Thron, des Teufels goldenes Haar; und ich schrieb seine Geschichte.
Schlangen haben keinen Gesichtsausdruck. Oder wenn doch, dann jedenfalls ändert sich dieser Ausdruck nicht merklich. Die Augen bleiben offen, nur eine Haut zieht sich wie ein Kameraverschluss vor die Pupille, wie ein Vorhang. Dadurch wirken sie unheimlich, grausam und gleichgültig. Bei einem Menschen ohne Gesichtsausdruck ist es so, dass wir Furcht empfinden oder dass wir zumindest seinen Charakter für abstoßend halten. Wir werden uns entweder fern halten oder gleich schießen. So ähnlich ist auch unser Verhalten gegenüber Schlangen.
Schnee. Geruch von Schnee. Sperma. Fades. Gurken.
So ein Tag fing mit Migräne an. Die Linden streckten ihre schwarzen Äste in den grauen Januar, und die nassen Zweige glänzten. Es sah so aus, als ob selbst die Bäume froren.
Ich hätte weglaufen sollen. Manchmal lief ich weg. Schlangenauge war grausam. Wenn ich weglief, kam ich mir als ein Verräter vor.
Um in unsere Schule zu kommen, musste man etwa 20 Stufen hoch, und davon gab es drei Eingangstreppen, in der Mitte und an jeder Seite eine. Einer war in der Klasse, der lebenden Maikäfern die Flügel ausriss und sie dann mit einer Rasierklinge seines Vaters sezierte. Er war einen Kopf größer als alle anderen und er war sicher krank in seinem Kopf. Seine Sklaven, seine Ergebenen bugsierte er links und rechts an den Treppen. Er selbst stand oben vor dem mittleren Portal flankiert von mindestens zwei Gehilfen, der Scharfrichter, auf dessen Befehl nun die kleineren, die ihm missfielen, gefoltert wurden. Meistens waren es eben diejenigen, die gut zu foltern waren, Kleinere, Schwächere, Langsamere, an denen er den anderen seine Überlegenheit zeigen konnte, um noch größer und stärker vor allen zu stehen. Ich glaube nicht, dass ihn einer wirklich bewunderte. Es war ein Regime der Furcht. Er war der Stärkere und er zeigte, dass er auch der Skrupellosere war.
Bis heute erinnern mich seine blassen sezierenden Augen an die Augen einer Schlange. Vielleicht war es feige, zu meinen, dass man nicht einfach an ihm vorbei konnte, dass er irgendwie anders war, irgendwie durchgeknallt, irgendwie böse und ziemlich „hehe“. Aber diese Leitlinie half, mit den Dingen, wie sie waren, zurecht zu kommen.
An diesem Tag stand er wieder da. Ich hätte es wissen müssen. Schließlich hatte ich von ihm geträumt. Im Traum hatte er Menschenköpfe auf Schweineleiber und Schweineköpfe auf Menschenleiber verpflanzt, in dunklen tiefen Verliesen allein mit seinen unheimlichen Werken. Aber die Bedrohung war real. Er stand vor mir.
„Hengingwai!“ rief er, laut, nasal, mein Spitzname für lange. Seine Kreatur, sein Untertan. „Hengingwai, komm und hilf dem Polen!“
Neben ihm standen zwei Schulkameraden, halbwillig, aber willig. Sie hielten mich fest. Es gab kein Ausweichen, kein Davonlaufen.
„Lass Kolep in Ruhe!“
„Was krieg ich dafür?“
Kolep hatte es noch nicht gehört. Er stand am anderen Ende des Pausenhofes, träumte und kaute noch auf dem Rest seines Pausenbrotes.
„Was willst du?“
„Sag, ich bin ein Wichser!“ „Okay.“ „Nein, sag es.“ „Ich bin ein Wichser.“ „Hahaha, Hengingwai ist ein Wichser, und jetzt schlagen wir Kolep!“ das sang er fast, wie ein Hüpflied. Die kleine Gruppe rannte die Treppen runter; sie hielten Kolep die Arme auf den Rücken gedreht, und Schlangenauge schlug ihm ins Gesicht.
Ich hatte Angst, aber ich rannte hinterher. „Hör auf!“
Zu der Zeit begann es zu schneien. Lautlos. Weiß. Große weiße nasse Flocken.
Aus Erfahrung gefallen mir Schlangen inzwischen besser. Es ist nicht immer das Nachdenken, was uns Unterscheidung lehrt. Mit den Schlangen hätte ich trotz Nachdenken immer Furcht und Abscheu verspürt.
Seitdem ich weiß, wie samten und warm die Haut einer Python ist, seitdem ich weiß, dass Schlangen mit ihren Zungen riechen können und je mehr ich gelernt habe, gefährliche und ungefährliche Schlangen zu unterscheiden, desto eher bin ich bereit, mich auch mit Schlangen zu unterhalten.
Aber in der Nacht, im Dunkel ist dies alles vergessen. Mit dem Besenstiel schlug ich zu, reflexartig, als ich in Kampala ohne Licht auf einem Klo saß. Damals richtete sich neben meinen nackten Füßen eine kleine Schlange auf und züngelte.
Eine Hausnatter, nützlich, frisst Kakerlaken, Ungeziefer. Sie starb den Opfertod, weil es dunkel war.

Kolep und die kleine Schlange sind zwei Erfahrungen, die ich machen musste.
Licht an. Licht aus. Und die Welt sieht anders aus.
Man sagt, Helden seien dumm. Dumme Helden sind für mich bedeutungslos.
Man kann Schläge dafür bekommen, wenn man sich mit einem Legastheniker aus Polen anfreundet, und obwohl es mir leid tat und leid tun wird: ich werde in derselben Situation diese kleine Schlange auch ein zweites Mal ermorden! Und ich würde wieder Kolep als Freund haben wollen. Ich möchte wissen, wie und wo er nun lebt. Er hat bestimmt viel zu erzählen.
Schwarz. Weiß. Zebra. Einfalt. Vielfalt. Punkt.

MALACH-DER BOTE

MALACH - DER BOTE
Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hätte sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
"Lisa?"
Die Stimme ließ sie herumfahren. Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
"Johannes!", entfuhr es ihr. "Was machst du hier?"
Es war nicht Johannes. Ihr Bruder hatte vor zwei Monaten in Afghanistan seinen Dienst angetreten.
Es war ein Engel, von hinten, groß, blau, mit großen sanften bläulich schimmernden Schwingen und völlig unberechenbar.
Was, dachte Lisa, was? Was macht ein Engel in meinem Schlafzimmer?
Was geschieht mir, wenn er sich umdrehen wird? Während sie das dachte, zog sich ihr Unterleib zusammen. Das war Angst, ja, sie machte fast ins Bett, und sie spürte es.
Lisa begann sich für ihre Empfindungen zu schämen. Muss ein Engel Angst auslösen, nur weil man nicht weiß, was er ist, was er machen wird, wozu er fähig sein mochte?
Naja, dachte sie, ein Engel kann dein ganzes Leben verändern.
„Los, sag es, sprich es laut aus“, vernahm sie wieder diese Stimme in ihrem Kopf, sanft, vibrierend und voll harmonischer Resonanz.
So viel Harmonie war schon an und für sich beängstigend, aber aus dem Mund eines Engels, der nicht durch den Raum, sondern direkt in deinem Kopf spricht, wirkt das sehr verunsichernd.
Lisa glaubte also nicht eben an eine Verständigung, die eine Frau befriedigen könnte. Da sie das aber gewohnt war, presste sie laut und ärgerlich hervor: „Was willst DU hier? Willst du mich und mein Leben durcheinanderbringen? Wer bist DU?“. Ihre Stimme brach am höchsten Punkt vor Aufregung, und sie ärgerte sich darüber noch mehr. Sie wollte nicht auch noch vor Engeln verlegen da liegen.
„Ich komme von weit und geh noch weiter, bringe Sehnsucht, bringe Träume. Such dir einen Traum aus“ , und er drehte sich um, wobei er gleichzeitig seine Schwingen so weit zusammenklappte, dass Lisa diese von vorn nicht mehr sehen konnte. In seinen Armen hielt er einen Strauss aus Träumen, duftend und voll von Wind und Meer und Licht und großer Unruhe.
Seine Augen hielt er auf die Erde gerichtet, mit schweren fast geschlossenen Lidern strahlte er von der anderen Seite des Zimmers, und es lag so viel Kraft in seiner Anwesenheit und in ihrem Zimmer, dass Lisa schon daran dachte, dass sie verstrahlt werden könnte.
In dem Augenblick ertönte an ihrer Seite ein lautes Schnarchgeräusch gefolgt von einer absolut beängstigenden Atempause. Als sie darüber erschrak, fiel es ihr wieder ein.
Der Malach lächelte. Es floss ein Leuchten aus seinen Augen, und er löste sich auf.
Lisa wusste alles wieder. Sie spürte, wie sie über die Wiesen tanzte in einem grünen Atem, froh und frei. Sie war fünf Jahre alt .
Neben ihr wieder ein Grunzen, atmosphärisch uneben, erdig, und ein unangenehmer Geruch machte sich bemerkbar. Axel wühlte mit seinem Kopf in ihrer Achsel, das kitzelte von ferne her. „Ach, Johannes Hund, Nervensäge“, murmelte sie zu sich, drehte sich um.
Lisa wollte noch nicht aufwachen. Der Löwenzahn leuchtete aus dem Gras, und der Wind brachte den Duft von Blumen in ihr Haar.
Sie breitete die Arme aus und flog, über die Hügel, durch Nebel, durch Sonne, Vogelzwitschern, an summenden Bienen und brummenden Hummeln vorbei, immer ins Licht.
Eine Krähe schrie, das Dunkel brach mit einem Windstoss über sie herein, und sie fiel und fiel und fiel. Sie fiel lautlos durch einen Schacht, weiter und weiter, tiefer und tiefer, endlos bis an die andere Seite der Welt. Ihre Füße berührten kein einziges Mal mehr den Boden. Sie schwebte über glitzernden Wüstensand in der Morgenröte auf der ganz anderen Seite der Erde, furchtlos, ganz allein.
Und im Himmel war ein Gesang, dem sie folgte, ein Ton aus der Stille, der sie zurück trug, weit in ihre Wiese, sanft ins hohe Gras.
Ein Käfer krabbelte über ihren Arm. Und jetzt spürte sie dieses Leuchten in ihr selbst. Langsam stieg es aus ihrem Bauch in ihren Kopf hoch, schwoll, füllte alles an, und sie fühlte sich wie eine Zwiebel, Schale um Schale um Schale. Grüne Triebe schossen aus ihrem Kopf, und auf der feinen splitternden Haut glitzerten Tränen.
Lisa wachte auf, nieste, rieb sich die Augen. Axel sprang aus dem Bett und wedelte mit dem Schwanz.
Nichts war wie vorher, und ein Hauch von Zwiebeln hing in der Luft.

Monday, July 2, 2007

Dear Mr. van Gogh

Es ist kein Platz für Menschen auf der Erde. Sie machen zu viel Scheiß.
Jeder Tag ist ein Überraschungsei.

Dear Mr. Beethoven!

I cannot call you Ludwig, I am sorry, but our relationship is difficult as you know. I listen to you and you cannot hear my words. Today I am trying to see if you are fit for any words at all. You see, Mr. Vincent wanted to cut off his other ear today!

He does not listen. His only interest is to see what he wants to see. I followed him for a bit through a kind of revolving glass door . He kept going as if he knew where his way would lead to. He didn’t stop for one moment. I think he found it more than just hard to look around and see what I could see. But then, this goes for the other way round too.

And you? Though you are deaf and unwilling, you listen to your own music and you are probably as blind as Mr. Vincent. I am sorry to tell you. Now, don’t get that mad at me. You are throwing things again, no, not this glass please. Now look, all these shards here.

It is difficult. You know about all these magic tools of perception but you run away, spiralling out inside your inner universe. Don’t you realise that it is connected to mine whether you like it or not?

Seriously, you are one bit of a hot and noisy hellbender!
I’ll better approach you tomorrow again.



Dear Mr. Vincent!

Look if you don’t listen. Mr. Beethoven is mad with me. Why are you artists such a wonky lot? I don’t know how to do this. I know you, you know? But then, I guess it doesn’t matter really. Do I bore you?

Yes I know, you cannot wait for these fucking sunflowers. I didn’t have one summer in peace. When the full moon was up in the night, yellow, sensuous, lazy and fat, I could just wait for you howling at the sky, drunk, restless and full of an insatiable desire for sunflowers. When I was lusting for women, white bodies in the night, dark and secret triangles, soft breasts and whispered promises you interrupted my longing with your shouts and with your merciless dances.

Destruction must make your autumn possible, and when spiders bridge the golden light between windows and trees you are busy to burn out the skies with sunflower-whirlwinds.

Mr. Vincent, I don’t want to criticize you. I want you to talk to me.

Monday, March 5, 2007

Die Reise als Ballon (2003)

Die Liebe ist einfach da, wie der Wind.
Die Kraft, der Schlaf, sie sind da, einfach da.
Schafe sind da, Stiere, Pferde, Wiesen, Regen und Sonne, das Meer, der Mond, Sterne…..alles einfach da.
Die Reise führte weit durch die Welt, über die Welt, in die Welt, durch den Traum und aus dem Traum.
Die Reise, das Atmen, Atmen um den Regenbogen, Leben, Schlaf, Wachsein, Traum, Reise. Alles war gut.

Er wollte eine Reise machen. Im Stuttgarter Hauptbahnhof nahm er einen Zug nach Norddeutschland, einen Nachtzug nach Bremen. Da hatte er ein kleines Abteil mit Waschbecken und Bett. Der Zug ratterte durch die Nacht, manchmal fiel Licht durch das Fenster, hin und wieder hielt der Zug an. Dann wachte er oft kurz auf, und in seiner Decke fühlte er sich sicher und geborgen. Morgens musste er in Bremen umsteigen. In Bremerhaven, an der Nordsee, schien die Sonne. Das Schiff lag im Hafen, am Fischkai. Er betrat das Schiff, ein Fischereiforschungschiff. Das Schiff war über sechzig Meter lang, und da gab es eine Kommandobrücke, von wo der Kapitän alles steuerte, Krane, Winden, Taue, einen Kompass, einen großen Anker und ein riesengroßes Fischnetz.

Zuerst musste er sich an die Seekrankheit gewöhnen, an die Schläfrigkeit und an das Durcheinander beim Gleichgewicht, an die Fahrstuhlbewegungen seines Mageninhaltes.
Nach dem Loch Eriboll im Norden Schottlands kam kein Land mehr in Sicht. Er ließ Schottland und damit die Heimat des Highlanders weit hinter sich. Kennst du den Highlander, den mit dem langen Schwert?

Einige vermutlich besoffene Möwen begleiteten das Schiff mit tollkühnen Flugmanövern. Das Schiff fuhr immer weiter nach Norden, wackelte, stampfte. Der Kapitän hatte einen silbernen Bart, und die Forscher wollten Rotbarsche fangen, immer weiter Richtung Nordpol, zu den Walen, zu den Eisbergen. Die Forscher wollten nachschauen, ob da oben denn noch genug Fisch für die „Nordsee“- Geschäfte übrig sei.

Bei Windstärke 7 schrillte der Alarm, 6x kurz, 2x lang. Das Schiff schaukelte ganz schön, hin und her. Der Alarm war nur eine Übung. Er hastete treppauf zum Sammelpunkt. Die Schwimmweste trug er noch im Arm. Dann legte er seinen Helly-Hansen-Überlebensanzug an. Das ist ein ganz dicker wasserfester und fast wasserdichter Neoprenanzug mit Kapuze, sieht aus wie ein Taucheranzug, geht auch über Hände und Füße, hat vorne einen Reißverschluss. Der Reißverschluss drückte ihm am Hals, löste Würgreiz aus. Darüber kam dann die Schwimmweste, es wurde eng.

Plötzlich als er so unförmig da stand und wankte, um ihn die anderen eingemummelten neunundzwanzig Mann, da kam eine Böe auf, eine so unglaubliche Böe, eine Böeböe, und die fuhr ihm unter den Reißverschluss, den er nicht ganz zugemacht hatte, blies den Anzug auf, so dass er anfing zu steigen wie in einen großen dicken Ballon eingehüllt, und er musste die Reling loslassen, er konnte sich nicht mehr halten.

Ja, er hatte schon gedacht, das ewige Geschaukel sei ihm langweilig, die vielen guten Mahlzeiten zu viele. Fast schon ein bisschen traurig sah er sein Schiff weit unter sich immer kleiner werden , hörte den Kapitän nicht mehr schreien, nur ein fernes Grollen von Stürmen, vor denen her es ihn nun trieb, allein und staunend.

Ein bisschen steuern konnte er schon, dann streckte er den linken Zeigefinger hoch, nur den Finger. Der Finger war das Steuerruder. So konnte er ganz leicht aus dem Wind heraus steuern. Ganz easy, wie eine Computersteuerung, klar, oder eine Fernbedienung.
Den rechten Arm musste er hoch halten, ganz fest wie einen Stock. Genau so. Wenn er schneller werden wollte, machte er eine Faust mit der rechten Hand, einfach eine Faust. Wenn er stark drückte, wurde er richtig schnell, wenn er locker ließ, wurde er wieder langsamer.
Aber die meiste Zeit ließ er sich einfach treiben, behaglich und warm in seinem Überlebensanzug, sicher, geborgen.

Er flog Richtung Island bis er unter sich Geysire sah, die mit heißem Wasserdampf explodierten und Schlamm spuckten, bis ihm Schwefelgestank dort hoch oben in die Nase stieg. Von oben war alles winzig klein geworden, ganz klein, klitzeklein. Er sah Gruppen von ganz kleinen Touristen auf Mini-Islandpferden in den Geröllfeldern, wobei ihm die Sicht immer wieder von Aschewolken genommen wurde.

Dann trieb er weiter Richtung Grönland, beobachtete winzige Inuit-Frauen. Er sah zu beim Jagen und Zerlegen eines Seehundes. Eisberge trieben unter ihm, Wale bliesen. Er hörte sie prusten, und er musste lachen, so gut ging es ihm.
Während er weiter trieb so als wäre das alles ganz normal, und er fühlte sich erstaunlich wohl, hörte er plötzlich von oben eine Stimme, etwas herrisch, etwas scharf: „Was bist du denn?“

Als er sich mit seiner Schwimmweste um den Hals umdrehen wollte, was ihm nicht ganz gelang und bestimmt sehr tollpatschig aussah, nahm er einen Riesen-Seeadler wahr.
Er sagte „Ich bin ein Menschenkind, und ich möchte gerne nach Hause, nach Deutschland, bitte.“
Der Adler schaute ihm in die Augen, und er meinte:“ Ich bin über Alaska und im Sturm gesegelt. Du hast Glück, der Wind dreht sich, und ich werde dir helfen, bevor ich mich wieder auf den Heimweg mache.“

Und er stieß einen schrillen Schrei aus. Das klang ähnlich wie wenn im Kung-Fu-Film die schöne Tochter ihren Vater rächen will und den bösen schwarzen Ninja angreift und dabei so laut und so plötzlich wie es geht losschreit, so aus dem Bauch und in der Kehle ganz oben, im Kopf, so ein „hhrrriiiiiia!“.

Der Adler packte ihn, nahm die Kapuze in den Schnabel, den Schwimmwestenkragen in die Krallen. Kräftig mit den Flügeln schlagend drehte er in Richtung Deutschland.
Er wusste nicht, dass der Adler ein Zauberadler war. Manchmal sah er die Schwingen des großen Adlers als Schatten unter sich, sie deckten ihn zu, beruhigten ihn weiter und weiter und weiter.

Dann wieder flogen sie dicht über den Wellen, er roch den Tang, das Salz kitzelte in seiner Nase als ihm Schaum und Gischt um die Ohren zischten. Das Meer war trüb und dunkelgrün. Dann wieder ging es hoch über die Wolken, und die Himmel waren dort endlos blau wie ein anderes durchsichtigeres tieferes Meer.

Der Wind brauste und brüllte, und er konnte den Adler entweder oft nicht verstehen oder es gab vielleicht gar nichts zu sagen. Nur sehen, hören, spüren, riechen. Und fliegen, vorläufig, jetzt. Und immer jetzt.

Als erst das Wattenmeer und dann die Küste unter ihm lag, ein Leuchtturm blinkte, als dann Berge auftauchten aus dem Frühnebel wie kleine Hundehäufchen, als dann die erste Stadt wie ein kleiner Christbaum mit elektrischen Glühkerzchen sich zeigte, stieß der Zauberadler nochmals einen mächtigen wilden freien Schrei aus, und dann ließ er ihn ganz plötzlich los.
Und er spürte wie er lose wurde und wie er zu flattern begann. Naja, er konnte immer noch steuern. Den linken Zeigefinger hoch, das war heraussteuern aus dem Wind. Die rechte Faust zudrücken, das war Gas geben.

Und dann, war das eine Überraschung! Der Adler hatte ihm Zauberflügel geschenkt, unsichtbare Zauberflügel aus Regenbogenhaut.

Er begann wie von selbst mit seinen Flügeln zu schlagen, noch einmal hoch und höher, hoch über die Wolken, Kirchtürme und Hochhäuser ganz klein wie Bonbons unter ihm, Hügel wie Erbsen und Flüsse wie Kratzer auf einer CD. Und er fühlte sich ganz frei, ließ sich nochmals vom Wind tragen, die Schwingen ausgebreitet, um dann langsam kreisend in tiefere Luftschichten zu stoßen.

Dann ließ er seine Flügel los, unsichtbar flogen sie weg, und er begann zu sinken. Und immer wenn er ein Mal tief und ruhig einatmete, bremste das die Landung. Immer wenn er einmal ganz tief und ganz ruhig atmete, ein, aus, ein, aus. So ist es gut.

Er sank, sank, schwebte nach unten, ganz warm in seinem Überlebensanzug, sicher, und dann bemerkte er wie er kleiner und kleiner wurde . Ganz langsam wich immer mehr Luft aus seinem dicken Kapuzenschwimmanzug, und er selbst schrumpfte und schrumpfte und schrumpfschrumpfte unaufhörlich, immerzu.

Als er dann fast nicht mehr da war, fast nur nichts mehr war übrig, sank er und sank er und sank sachte und winzig und ganz klitzeklein in einen Gartenteich, am Rand von Stuttgart, zwischen den Seerosenblättern, die er nur knapp verfehlte. Die Algen rochen etwas nach Moder, das Wasser war schlammig und braun, und das Plätschern des kleinen Springbrunnens klang ihm über den Ohren wie ein großer Wasserfall.

Da er sich ganz zauberwohl fühlte, konnte er nun auch unter Wasser atmen. Die Goldfische kreisten verwundert und langsam und riesengroß um ihn herum.
Die Kaulquappen waren größer als er, und sie kicherten, auch die, die schon keinen Schwanz mehr hatten. Die gaben richtig an, spielten Frosch und versuchten, sich aufzublasen.
In seinem Anzug war er etwas unbeholfen, und er setzte sich schließlich auf den Rücken einer Teichschnecke, die langsam und ganz bedächtig nach oben kroch, zum Beckenrand.

Und je weiter sie nach oben gelang, zählte er langsam, ganz langsam, eins, zwei, drei, vier, um so mehr wuchs er und gewann seine natürliche Größe zurück, fünf, sechs, sieben, um dann mit acht, neun einen Schritt ans Ufer zu machen, um dann mit zehn, jetzt, ganz wach und glücklich nach einer langen Reise wieder da zu sein, da, wo alles angefangen hatte..

Und jetzt wollte er erst Mal den Anzug loswerden, dann aufs Klo und dann was Essen, was richtiges Essen!
Cola, Ketchup, Fritten, und was für ein Eis willst du?




ANHANG:

Geschrieben auf der 252. Reise von FFS "Walther Herwig III"
Draussen im Rest der Welt geschah einiges andere:

AUS DEN NACHRICHTEN:

Trauer über den Tod von Jürgen W. Möllemann (5.6.2003)Politiker auf Bundes- und Landesebene zeigten sich am Donnerstag bestürzt über den Tod des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann. Trotz politischer Differenzen habe sich Möllemann große politische Verdienste erworben, so FDP-Parteichef Guido Westerwelle. Der Landtag in NRW unterbrach seine Plenarsitzung. Unbestätigt sind noch vom Fernsehsender n-tv zitierte Augenzeugenberichte, wonach Möllemann bei seinem Fallschirmsprung in Marl den Hauptschirm ausgeklinkt und es unterlassen habe, den Ersatzschirm zu ziehen.

Unwetter: Nur kleinere Einsätze in Wuppertal (9.6.2003)Die heftigen Gewitterstürme, die am Pfingstsonntag über NRW gezogen sind, haben in Wuppertal keine größeren Schäden verursacht. Man habe lediglich zu fünf kleineren Einsätzen ausrücken müssen, teilte die Feuerwehr mit. Dazu hätten umgenickte Äste und Bäume gehört, hieß es. Bei den Unwettern starb ein sechs Jahre altes Mädchen, das im Rahmen des NATO-Sommerfestes in einem Fesselballon Platz genommen hatte. Der Sturm riss das Sicherungsseil aus der Verankerung. Der Ballon wurde erst 50 Kilometer weiter gefunden. Im westlichen Ruhrgebiet mussten zahlreiche überflutete Autobahnen gesperrt werden. In vielen Städten standen Keller unter Wasser. Auch der Bahnverkehr wurde beeinträchtigt. In Deutschland starben insgesamt vier Personen bei den Unwettern.

Quelle:
www.wuppertaler-rundschau.de